Diskurs: Pies und Henn

Sicher erinnern Sie sich noch an die heute knapp drei Monate alte Sensationsmeldung so prominenter Medien wie der Süddeutschen Zeitung und der FAZ.  Dr. Ingo Pies, Wirtschaftsethiker an der Universität Halle, warf den NGOs schlampige Recherche vor beim Thema Spekulation mit Nahrungsmitteln (wir berichteten):

Man kann den Banken nicht die Schuld für steigende Agrarpreise in die Schuhe schieben.  Der Spekulations-Alarm ist ein Fehlalarm.

Nun hat sich daraufhin ein teilweise spannend zu lesender Briefwechsel zwischen Pies und Markus Henn von weed entwickelt (der für die Medien offenbar weit weniger interessant ist).  Henn ist bei weed (Weltwirtschaft,  Ökologie & Entwicklung e.V.) als „Referent Internationales Finanzsystem, Nahrungsmittelspekulation“ tätig.

In seiner Antwort an Pies vom 6. September 2012 fasst er zusammen:

Pies leiert eine so abgeschmackte Liste an marktliberalen Plattitüden herunter, dass seine ganze Spekulationskritik nur wie eine Bestätigung seiner liberalen Vorurteile erscheint.

Neben diesem emotionalen Ausbruch setzt sich sein Schreiben allerdings auch inhaltlich mit Pies‘ Positionen und Argumentationen auseinander.

Pies erwidert am 8. September 2012 und verweist unter anderem recht süffisant hierauf:

Ich habe eine lange wissenschaftliche Ausbildung an verschiedenen Universitäten durchlaufen, die ihren formalen Abschluss mit einer „venia legendi“ für Volkswirtschaftslehre gefunden hat. Sie haben, wenn ich es recht sehe, das Fach Volkswirtschaftslehre im Nebenfach studiert und dann darauf verzichtet, Ihre Fachkenntnisse durch Promotion und Habilitation weiter zu vertiefen. Ich führe diesen Sachverhalt nun aber ausdrücklich nicht deshalb an – wie Sie zunächst vielleicht vermuten werden –, um Sie professoral abzukanzeln. Ganz im Gegenteil. Das Abkanzeln ist ja ohnehin offenbar eher Ihr Metier.

Auch hier geht es inhaltlich in die Tiefe — allerdings geht Pies auf diverse sachliche Punkte aus Henns Kritik nicht ein.

Es geht weiter mit einem offenen Brief von Henn (26. September 2012), der weitaus sachlicher daherkommt als sein Vorgänger, aber einen der grundlegenden Unterschiede in den Positionen trotzdem recht pointiert darstellt:

Alles, was wir – mehr oder weniger – sagen, ist: Spekulation spielt mit hoher bis sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine bedeutende Rolle. Das schließt andere Faktoren keineswegs aus. Sie dagegen nehmen in dieser Frage eine sehr absolute Position ein: die Spekulation spiele überhaupt keine (negative) Rolle. Doch obwohl Sie eine solche absolute Position einnehmen, werfen Sie uns genau das vor.

Den vorerst letzten Stand stellt der weitere offene Brief Pies‘ (30. September 2012) dar.  Die Diskussion hat sich erfreulich versachlicht — was nichts daran ändert, dass Pies auf die meisten der in Henns erstem Schreiben angeführten Schwachpunkte in dessen Argumentation bisher immer noch nicht eingegangen ist.

Diesbezüglich verweise ich beispielhaft auf einen Punkt, den auch Henn angemerkt hat — und den ich hier so formulierte:

So ist Pies offenbar tatsächlich der Ansicht, dass unsere Landwirte einen gehörigen Teil ihrer Zeit am Finanzmarkt verbringen, um ein Termingeschäft nach dem nächsten abzuschliessen, je nach Marktlage long oder short zu gehen und mit den grossen Jungs aus der Branche zu spekulieren.  Es ist Herrn Pies anzuraten, ein paar bäuerliche Betriebe zu besuchen.

Es bleibt festzuhalten, dass auch „eine lange wissenschaftliche Ausbildung an verschiedenen Universitäten“ (Pies über sich, siehe oben) nicht davor bewahrt, manche Dinge nicht zu begreifen — und trotzdem eine Meinung dazu zu publizieren.

-fj

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