Grosse Dinge

Politik: Grosse Koalition

Ich habe die Äusserungen noch in den Ohren:  Wenn wir die Mehrheit hätten, ja, dann könnten wir etwas bewegen beim Thema Spekulation mit Nahrungsmitteln.  Wir standen auf dem Platz der Republik und alle erschienenen Bundestagsabgeordneten benutzten mehr oder weniger die gleiche Phrase.

Nun hat die SPD momentan die Chance, das Thema in die Koalitionsverhandlungen einzubringen.  An die Öffentlichkeit dringt nichts darüber, andere Themen stehen im Vordergrund.  Wir werden sehen, wie ernsthaft die Aussagen der Politiker waren, wenn der Koalitionsvertrag auf dem Tisch liegt.  Viel Hoffnung habe ich — mal wieder — nicht.

Foodwatch: Grosse Neuigkeiten

Bereits im August 2013 berichtete Occupy:Occupy über Hans-Heinrich Bass‘ Ausführungen, die er im Auftrag der Welthungerhilfe unter dem Titel „Spekulation mit Nahrungsmitteln: Wo steht die Wissenschaft?“ veröffentlicht hat.  Bass‘ Schlussfolgerungen waren mehr als nachvollziehbar.

Jetzt hat Foodwatch nochmal nachgelegt und bei dem Bremer Professor für Internationale Wirtschaft eine Metastudie zu den Studien über das Thema Nahrungsmittelspekulation in Auftrag gegeben (Finanzspekulation und Nahrungsmittelpreise: Anmerkungen zum Stand der Forschung).  Foodwatch fasst das Ergebnis für den ungeduldigen Leser unter anderem so zusammen:

  1. Die Thesen von Pies und Glauben sind wissenschaftlich unlauter.
  2. Deutsche Bank und Allianz rechtfertigen ihr Geschäft mit haltlosen Argumenten.

  3. (Quelle: foodwatch.org)

Ich bin nicht überrascht.

Grosse Fehleinschätzung

Noch eine Studie also.  Wird Pies darauf antworten? Wie werden Deutsche Bank und Allianz reagieren?  Werden nach Foodwatch nun auch Oxfam, Campact und die anderen Vertreter der Koalition gegen Spekulation mit Nahrungsmitteln weitere Studien vorlegen?  Wird es eine neue Medienpräsenz zum Thema geben?

Merkt es keiner?  Diese Tendenz, sich auf eine Debatte abseits der betroffenen Menschen zu fokussieren — ist das tatsächlich zielführend?  Ich meine: nein.

Ja, es ist vernünftig, mehr über das Thema zu lernen, zu forschen und an einem besseren Verständnis  zu arbeiten.  Dafür sind Studien und Studien über Studien gut geeignet.  Doch wussten wir nicht schon vor der Bass’schen Studie, dass Pies teilweise einen solch hanebüchenen Unsinn aufgeschrieben hat, dass auch die etwas harmloseren Passagen seiner Pro-Spekulationsarbeit keine Glaubwürdigkeit reklamieren konnten?

Die entscheidende Frage ist:  Was hilft eine weitere Studie den betroffenen Menschen in den armen Ländern?  Ich behaupte: nichts.

Grosse Einigkeit und grosse Ratlosigkeit

Wenn es stimmt, dass in unserem Land ein weitgehender Konsens darüber herrscht, dass Spekulation mit Nahrungsmitteln nicht gewollt ist, wenn alle politischen Parteien behaupten, dass sie diese Spekulationen nicht  gut heissen — warum schafft es unsere Gesellschaft nicht, diese weitgehende Einhelligkeit in eine gesellschaftliche Realität umzuwandeln?

Warum lassen die Foodwatchs dieser Welt immer weitere Studien produzieren, anstatt von den gewählten Volksvertretern (die ja alle vorgeben, gegen diese Spekulation zu sein) zu verlangen, endlich tätig zu werden?

Warum schaffen es die mächtigen Nichtregierungsorganisationen nicht, den Stand der Petitionen an den Deutschen Bundestag zu thematisieren, die seit mehr als einem Jahr dem Petitionsausschuss vorliegen und offenbar nicht ernst genommen werden?

Anstatt das Naheliegende zu tun, nämlich unsere ganz persönliche Verantwortung wahrzunehmen und zu bemängeln, dass unsere Gesellschaft (sprich: wir) versagt bei der Kontrolle der politischen Gremien, wird Papier produziert.

Papier kann man nicht essen, oder?

-fj

8 comments

  1. Gerhard

    wie könnte man ein Netzwerk erstellen von occupy, foodwatch, attac, greenpeace, um gemeinsam Druck in Berlin auszuüben?
    aufeinander schimpfen, dass die anderen zu wenig tun bringt uns ja auch nicht weiter.

    • Frank Jermann

      Glauben Sie mir, Gerhard: Keine der NGOs war ernsthaft interessiert, das Thema auf nationaler Ebene anzugehen. Das festzustellen ist kein Schimpfen, sondern die Darstellung der Fakten.

      Da die europäische Initiative der NGOs (nach deren eigener Aussage) bisher ergebnislos verlaufen ist, erscheint es mir gerechtfertigt, immer wieder mal auf das strategisch unzureichende Vorgehen der NGOs hinzuweisen.

      Welchen Einfluss haben wir Bürger in Brüssel? Welchen Einfluss könnten wir dagegen in Berlin haben — wenn wir unsere Politiker lediglich ernsthaft aufforderten, ihre Arbeit zu machen?

    • Frank Jermann

      Ich stimme Ihnen zu, Herr Schäfer.

      Wir wissen alle (nun gut, „sollten wissen“ wäre besser formuliert), dass diejenigen, die profitieren sind:

      1. Unternehmen wie die Deutsche Bank und die Allianz,
      2. deren Anteilseigner sowie
      3. jeder, der mit den Unternehmen Geschäfte macht — und das ist im Zweifel auch der privat Versicherte.

      Wen von denen wird das Gewissen plagen?

      Kurzfristig wird nur ein Gesetzesinitiative seitens der Parlamentarier etwas verändern können. Wenn wir (also auch die, die nicht unter die Punkte 1 bis 3 fallen) unsere Politiker nicht dazu bringen können, hier tätig zu werden, dann müssen wir auch unser eigenes Gewissen überprüfen, finde ich.

  2. Kathrin

    Es sieht ja fast so aus, als erfüllten diese NGOs eine Alibi-Funktion. Ich denke, sobald eine NGO wie Foodwatch eine gewisse Reichweite gewonnen hat, stehen die Lobbyisten auf der Matte und fahren ihren Bauchladen der Macht aus. Wer kann da widerstehen?

    • Frank Jermann

      Es ist schwierig, das zu beurteilen, Kathrin. Ich glaube, dass die NGOs durchaus hehre Absichten verfolgen. Es gibt allerdings Aspekte, die mich mehr und mehr beschäftigen. Irgendwann werde ich dazu etwas schreiben.

  3. Krititizist

    Wo ist die Alternative? Wie kann Mensch sich okologisch, fair, global-freundlich versichern? Wo sind die Solidar-Gemeinschaften die soetwas, wie Schadens-Kompensation/ -Ausgleich, Versorgung im Fall eines Ausfalls/Unfalls & Krankheit, Versorgung im Fall einer Erwerbsminderung,.. gewährleisten?
    Sollten soetwas Kommunen leisten? Sollte soetwas eher über Nachbarschaftliche Hilfe organisiert sein, als über Geld? Da ist noch nicht alles an Phantasie ausgeschöpft, mene ich. Und noch zu wenig bekannt, welche alternative Initiativen es schon gibt und erprobt werden.

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