Diskurs: Pies und Henn

Sicher erinnern Sie sich noch an die heute knapp drei Monate alte Sensationsmeldung so prominenter Medien wie der Süddeutschen Zeitung und der FAZ.  Dr. Ingo Pies, Wirtschaftsethiker an der Universität Halle, warf den NGOs schlampige Recherche vor beim Thema Spekulation mit Nahrungsmitteln (wir berichteten):

Man kann den Banken nicht die Schuld für steigende Agrarpreise in die Schuhe schieben.  Der Spekulations-Alarm ist ein Fehlalarm.

Nun hat sich daraufhin ein teilweise spannend zu lesender Briefwechsel zwischen Pies und Markus Henn von weed entwickelt (der für die Medien offenbar weit weniger interessant ist).  Henn ist bei weed (Weltwirtschaft,  Ökologie & Entwicklung e.V.) als „Referent Internationales Finanzsystem, Nahrungsmittelspekulation“ tätig.

In seiner Antwort an Pies vom 6. September 2012 fasst er zusammen:

Pies leiert eine so abgeschmackte Liste an marktliberalen Plattitüden herunter, dass seine ganze Spekulationskritik nur wie eine Bestätigung seiner liberalen Vorurteile erscheint.

Neben diesem emotionalen Ausbruch setzt sich sein Schreiben allerdings auch inhaltlich mit Pies‘ Positionen und Argumentationen auseinander.

Pies erwidert am 8. September 2012 und verweist unter anderem recht süffisant hierauf:

Ich habe eine lange wissenschaftliche Ausbildung an verschiedenen Universitäten durchlaufen, die ihren formalen Abschluss mit einer „venia legendi“ für Volkswirtschaftslehre gefunden hat. Sie haben, wenn ich es recht sehe, das Fach Volkswirtschaftslehre im Nebenfach studiert und dann darauf verzichtet, Ihre Fachkenntnisse durch Promotion und Habilitation weiter zu vertiefen. Ich führe diesen Sachverhalt nun aber ausdrücklich nicht deshalb an – wie Sie zunächst vielleicht vermuten werden –, um Sie professoral abzukanzeln. Ganz im Gegenteil. Das Abkanzeln ist ja ohnehin offenbar eher Ihr Metier.

Auch hier geht es inhaltlich in die Tiefe — allerdings geht Pies auf diverse sachliche Punkte aus Henns Kritik nicht ein.

Es geht weiter mit einem offenen Brief von Henn (26. September 2012), der weitaus sachlicher daherkommt als sein Vorgänger, aber einen der grundlegenden Unterschiede in den Positionen trotzdem recht pointiert darstellt:

Alles, was wir – mehr oder weniger – sagen, ist: Spekulation spielt mit hoher bis sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine bedeutende Rolle. Das schließt andere Faktoren keineswegs aus. Sie dagegen nehmen in dieser Frage eine sehr absolute Position ein: die Spekulation spiele überhaupt keine (negative) Rolle. Doch obwohl Sie eine solche absolute Position einnehmen, werfen Sie uns genau das vor.

Den vorerst letzten Stand stellt der weitere offene Brief Pies‘ (30. September 2012) dar.  Die Diskussion hat sich erfreulich versachlicht — was nichts daran ändert, dass Pies auf die meisten der in Henns erstem Schreiben angeführten Schwachpunkte in dessen Argumentation bisher immer noch nicht eingegangen ist.

Diesbezüglich verweise ich beispielhaft auf einen Punkt, den auch Henn angemerkt hat — und den ich hier so formulierte:

So ist Pies offenbar tatsächlich der Ansicht, dass unsere Landwirte einen gehörigen Teil ihrer Zeit am Finanzmarkt verbringen, um ein Termingeschäft nach dem nächsten abzuschliessen, je nach Marktlage long oder short zu gehen und mit den grossen Jungs aus der Branche zu spekulieren.  Es ist Herrn Pies anzuraten, ein paar bäuerliche Betriebe zu besuchen.

Es bleibt festzuhalten, dass auch „eine lange wissenschaftliche Ausbildung an verschiedenen Universitäten“ (Pies über sich, siehe oben) nicht davor bewahrt, manche Dinge nicht zu begreifen — und trotzdem eine Meinung dazu zu publizieren.

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Völlig eingeknickt

Sie erinnern sich?  Da war doch was — ah ja: Spekulation mit Nahrungsmitteln!  Böse Geschichte, eine Blamage für unsere ach so aufgeklärte Gesellschaft.  Im Frühjahr gab’s da doch diese Kampagnen, alles schon so lange her …

Was ist daraus geworden?  Wenig bis nichts.  Die Petition an den Deutschen Bundestag schlummert wahrscheinlich in den Schubladen des Petitionsausschusses in Berlin.  Occupy:Occupy und die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) hatten sich dafür eingesetzt, dass in unserem Land ein Anfang gemacht wird mit dem Ende dieser unwürdigen Praxis des Gewinnstrebens auf Kosten der Ärmsten.

Die Mehrheit der engagierten Organisationen (Attac, Campact, Weed, Misereor, …) setzte dagegen auf die europäische Politk — und eine echte Zusammenarbeit zur Unterstützung der deutschen Petition unterblieb.  „Im Herbst“ erwartete man Ergebnisse in Brüssel, so die Aussage der in dieser Sache aktiven Nichtregierungsorganisationen (NGO).

Nun haben wir mittlerweile Herbst — und was ich immer befürchtet und stets formuliert habe, wenn ich um Unterstützung der deutschen Petition geworben habe, scheint jetzt eingetreten zu sein:  Eine wirksame europäische Regelung ist zweifelhaft.  Attac beschreibt  das bisherige Ergebnis der Politiker in Brüssel in der Überschrift auf seinen Webseiten noch einigermassen nett:

EU-Parlament geht nur unzureichend gegen Nahrungsmittelspekulation vor

Vertreter von Weed, Attac und Campact formulierten das Scheitern mehr oder weniger deutlich, wohl eher darauf bedacht, politisch korrekt zu sein, so wie Markus Henn von Weed mit einer weichen „Nicht-Wirklich-Aussage“:

Der Ausschuss hat sich im Rahmen der Reform nicht wirklich für eine strenge Regulierung der Warenterminbörsen ausgesprochen.

Jutta Sundermann von Attac formuliert ebenfalls nett, aber immerhin etwas deutlicher:

Es gibt noch immer große Schlupflöcher für exzessive Spekulation. Gerade während der momentanen Preisexplosion der Lebensmittelpreise ist es nicht nachvollziehbar, warum die Beschlüsse so schwach ausfallen.

Fast resigniert dagegen liest sich Astrid Goltz‘ Erkenntnis (Campact):

Bei Verboten bestimmter Finanzprodukte, die auf Rohstoffpreise wetten, ist das Parlament am Ende völlig eingeknickt.

Weiter wird sie zitiert, dass „es nun nur einen schwachen Auftrag an die Wertpapierbehörde [gibt], diese Produkte besonders genau zu beobachten. Das bedeutet, dass so gut wie nichts passieren wird“.

Warum beschleicht mich das Gefühl, dass am Ende munter weiter spekuliert wird und wir auch zukünftig das Hungern und Verhungern von Menschen aufgrund des unersättlichen Gewinnstrebens der Finanzbranche hinnehmen werden?

Es wäre eine Chance gewesen, die Petition an den Deutschen Bundestag durch energische Unterstützung der NGOs in Politik und Medien auf eine Ebene zu führen, die dem Thema angemessen ist.  Wenn — wie zu vermuten ist — die Europäer zu keiner einschneidenden Neuregelung der Finanzmärkte in der Lage sind, dann hätte zumindest in unserem Land ein Zeichen gesetzt werden können, das weit lauter gewesen wäre, als es Occupy:Occupy und der KAB möglich war.

So wie es aussieht, ist diese Chance vorerst verspielt.  In Brüssel wurde das Thema Nahrungsmittelspekulation kleingekocht, in Deutschland ist es so gut wie verschwunden.

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Oxfam reagiert auf Pies

In einem veröffentlichten Schreiben an Prof. Dr. Ingo Pies reagiert Oxfam auf unlängst erhobenen Vorwürfe des Wirtschaftsethikers (wir berichteten).  Unter anderem wurde Oxfam vorgehalten:

Handwerklich ist das [Anmerkung: Die Studie von Oxfam Deutschland] nicht einmal auf dem Niveau einer wirtschaftswissenschaftlichen Bachelorarbeit.

(Ingo Pies in besagtem Interview, Seite 15)

Pies, der den NGOs schlampige Recherche vorwirft, erweckt in seinem Interview den Eindruck, dass die NGOs ein komplettes Verbot von Warentermingeschäften forderten.

Dazu stellt Oxfam klar, was für aufmerksame Leser nie unklar war:

Oxfam hat nie ein Verbot der Warenterminbörsen gefordert. Was wir fordern, ist eine strengere Regulierung.

Möglicherweise wird Herr Pies auf diesen Punkt erst in seiner Master-Thesis eingehen.

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Jens Berger zu Pies: abstrus

Die FAZ überrascht ihre Leser in steter Regelmäßigkeit im Positiven wie im Negativen. Zur letzteren Kategorie gehört zweifelsohne das Essay „Die Moral der Agrar-Spekulation“ aus der Feder des Wirtschaftsethikers Ingo Pies. Offensichtlich hat sich der Autor dabei das Ziel gesetzt, Spekulationen auf Lebensmittelpreise den Stempel der moralischen Unbedenklichkeit zu geben. Um zu diesem, für einen Wirtschaftsethiker doch überraschenden Schluss zu kommen, bedient sich Pies allerlei Tricksereien und argumentiert zwar aus rhetorischer Sicht höchst interessant, dafür aber aus ökonomischer und schlussendlich auch moralischer Sicht reichlich abstrus. (von Jens Berger)

Glaubt man Ingo Pies, so hilft die Spekulation auf Rohstoffindizes vor allem den Bauern, „sich gegen Preisrisiken abzusichern“. Wer diese Form der Spekulation verbieten will, würde zudem „das Anliegen torpedieren, den Hunger auf der Welt zu bekämpfen“. Mit diesen zwei Kernthesen steigt Pies in sein Essay ein und bedient sich dabei – vor allem in der kausalen Kombination – bereits einer handfesten Manipulation. Bauern sichern sich nämlich nicht über die Spekulation auf Rohstoffindizes gegen Preisrisiken ab, sondern mittels klassischer Warentermingeschäfte. Die Spekulation auf Rohstoffindizes wollen in der Tat einige, aber beileibe nicht alle, Kritiker verbieten. Warentermingeschäfte will indes kein namhafter Kritiker verbieten, womit die erste Grundthese von Ingo Pies bereits unzutreffend ist. Dies gesteht Pies an späterer Stelle seines Essays zwar selbst ein – warum baut er aber dann zunächst ein argumentatives Luftschloss?

Da Pies weiß, auf welch dünnem argumentativen Eis er sich bewegt, nutzt er diese Unterstellungen in seinem Essay wie eine rote Linie – stetig wirft er Kritikern der Lebensmittelspekulation Positionen vor, die sie überhaupt nicht vertreten und arbeitet sich lieber an diesem Strohmann-Argument ab, als auf die eigentlichen Argumente einzugehen.

Weitestgehend korrekt schildert Pies im Folgenden, wie der Warenterminmarkt funktioniert und wie sich ein Bauer gegen schwankende Preise absichern kann. Das ist alles schön und gut und wird in seiner Grundform auch von niemandem kritisiert. Freilich „vergisst“ Pies in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass solche, mit „echten Waren“ gedeckte, Termingeschäfte zwar früher die Regel waren, heute jedoch nur noch einen kleinen Teil der Transaktionen ausmachen. Pies erwähnt auch nicht, dass es auf dem immer noch weitestgehend unregulierten Märkten, an denen solche Termingeschäfte gehandelt werden, ein nennenswertes Kontrahentenrisiko (engl. counterparty risk) gibt, da aufgrund der viel zu geringen Hinterlegungssummen (engl. margin) ein zockender Student mit 1.000 Euro Einsatz einen Nennwert von 100.000 Euro „absichern“ kann. Bewegt sich der Preis in die „falsche“ Richtung, kommt es zum „Margin Call“ und der Bauer bleibt auf dem restlichen Preisrisiko sitzen. Hilft dies dem Bauern? Hilft dies bei der Bekämpfung des Welthungers?

Pies erwähnt auch nicht, dass die Finanzspekulanten, die bei Warentermingeschäften in der Regel der Gegenpart für den Bauern sind, ein Interesse an stetig steigenden Preisen haben. Lapidar erklärt Pies, dass der Bauer bei einem „wider Erwarten“ steigenden Preis, zwar mit seinem Warenterminkontrakt einen Verlust macht, diesen Verlust jedoch durch das physische Geschäft, das durch den Kontrakt abgesichert werden soll, wieder ausgleicht. Unerwähnt bleibt jedoch, dass bei Preissteigerungen der Spekulant als Gegenpart des Bauern immer einen Gewinn einfährt und dieser Gewinn schlussendlich vom Endkunden gezahlt werden muss. In Pies Beispiel zahlt der Endkunde 130 Euro, der Bauer erhält zwar auch diese 130 Euro, zahlt jedoch für die Absicherung an den Spekulanten eine Prämie von 30 Euro. Spekulanten haben somit ein gutes Motiv, den Preis zu treiben und sie haben über verschiedene Finanzinstrumente auch die Mittel dazu.

Dass Pies, sagen wir es einmal vorsichtig, fachliche Defizite aufweist, beweist er dem Leser bei seinem Versuch, die Preisentwicklung auf dem Rohstoffmarkt schönzureden. Für Ingo Pies sind sogar die extremen Preisentwicklungen der Jahre 2007 und 2008, in denen beispielsweise der Maispreis sich binnen weniger Wochen verdoppelte, nur um dann innerhalb weniger Wochen wieder unter das vorherige Niveau zu fallen, durch Fundamentaldaten erklärbar. Leider macht sich Pies jedoch gar nicht erst die Mühe zu erklären, was nicht erklärbar ist. Es ist unumstritten, dass auf langfristige Sicht der Preis von Agrargütern durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Alleine durch Angebot und Nachfrage sind jedoch die Kurskapriolen auf den Rohstoffmärkten schon lange nicht mehr erklärbar. Was hat sich denn im Laufe des Jahres 2007/2008 so fundamental geändert, dass der Maispreis sich zunächst verdoppelt und dann wieder halbiert hat? Was hat sich in den letzten beiden Jahren so fundamental geändert, dass der Maispreis heute rund dreimal so hoch ist wie in den Jahren 1999 bis 2006? Und es war ja nicht nur der Maispreis – alle Rohstoffpreise weisen ein vergleichbares Muster auf. Sicher, die Nachfrage aus den Schwellenländern nimmt stetig zu, die Erzeugung von „Biokraftstoffen“ verdrängt immer mehr Anbaufläche und die Ernteergebnisse hängen seit Jahrtausenden vom Klima ab. An diesen Fundamentaldaten hat sich weder während des „Bullenmarktes“ des Jahres 2007 noch während des „Bärenmarktes“ des Jahres 2008 etwas geändert.

Ingo Pies schreibt in seinem Essay, dass „theoretische Überlegungen und empirische Befunde“ dagegen sprächen, dass die „enormen Preissteigerungen des Jahres 2007/2008 nicht auf veränderte Fundamentaldaten, sondern auf eine Blasenbildung zurückzuführen [seien]“. Da scheint Herr Professor Pies jedoch die wissenschaftliche Diskussion der letzten Jahre schlichtweg verschlafen zu haben. So liefert die 2011 veröffentlichte UNCTAD-Studie „Price formation in financialized commodity markets [PDF – 2.2 MB]“ beispielsweise einen sehr fundierten empirischen und theoretischen Beleg dafür, dass die heutigen Rohstoffpreise sich kaum noch auf Fundamentaldaten zurückführen lassen, sondern vielmehr mit anderen Finanzmärkten korrelieren. Mit dieser Einschätzung steht die UNCTAD nicht alleine, auch UNO, FAO und die Weltbank [PDF – 1.2 MB] vertreten dezidiert die Position, dass die Preise für Lebensmittel weniger durch Fundamentaldaten, als vielmehr durch Spekulation an den Finanzmärkten beeinflusst werden. Die NGO WEED hat sich die Mühe gemacht und ganze 100 wissenschaftliche Studien zusammengestellt [PDF – 286 KB], die allesamt zu einem gänzlich anderen Ergebnis als Ingo Pies kommen.

Hintergrundinformationen:

Mit seiner gewagten These, die Rohstoffpreise seien durch Fundamentaldaten erklärbar, steht Ingo Pies in der Ökonomenzunft ziemlich alleine da. Zudem sind seine „theoretischen Überlegungen“, mit denen er seine These zu untermauern versucht, bei näherer Betrachtung schlichtweg eine Unverschämtheit. Pies ignoriert beispielsweise die in vielen Studien zum Thema bewiesene Beeinflussung der Preise auf den Realgütermärkten durch Warentermingeschäfte, obgleich bekannt ist, dass beispielsweise auf dem Weizenterminmarkt nur noch jeder fünfte Händler mit „echtem“ Weizen und der Rest der Händler ausschließlich mit „Papierweizen“ handelt. Seine Behauptung, das Herdenverhalten an den Finanzmärkten sei irrelevant, ist dabei nur die Spitze eines Konvoluts aus grotesken Halbwahrheiten und Manipulationen.

Wäre Pies Ökonom bei einem großen Nahrungsmittelspekulanten, wie beispielsweise der britischen Bank Barclays Capital, könnte man sein Essay zwar nicht gutheißen, aber doch zumindest seine Motivation verstehen. Pies ist jedoch ein Wirtschaftsethiker. Da stellt sich unweigerlich die Frage, welche Ethik ein Ökonom vertritt, der nicht nur wider besseres Wissen an das Dogma der Effizienzmarkthypothese zu glauben scheint, sondern auch sämtliche Argumente der Kritiker von Lebensmittelspekulation auf rabulistische Art und Weise verzerrt. Wer sich die Ethik auf seine Fahnen geschrieben hat, darf nicht der Unmoral das Wort reden.

Dieser Artikel stammt von Jens Berger und wurde veröffentlicht bei nachdenkseiten.de. Vielen Dank für die freundliche Genehmigung, ihn hier wiederzugeben.

Ingo Pies: „Der Spekulations-Alarm ist ein Fehlalarm“

Die Reaktion der Medien war bisher nicht sonderlich gross auf das „Interview“ mit Ingo Pies.  Bedenkt man, was der Wirtschaftsethiker an der Universität Halle geäussert hat, dann überrascht das.  Die Süddeutsche Zeitung titelt: Wirtschaftsethiker wirft NGO schlampige Recherche vor — das ist starker Tobak.

Wir von Occupy:Occupy hätten uns allerdings bereits gefreut über einen Bruchteil an Medienpräsenz, aber auch hier gilt die alte Presseweisheit, dass der Postbote den Hund beissen muss, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Nun ist es stets das Anliegen von Occupy:Occupy gewesen, zwar pointiert, aber auch im Sinne von Wahrheit und Klarheit zu berichten.  Folglich ist eine Auseinandersetzung mit der prominent publizierten Position von Ingo Pies unumgänglich.  Ich gebe zu:  Das fällt mir schwer.  Wie will ich einem Wissenschaftler Paroli bieten?

Um Pies‘ Ausführungen einfach so vom Tisch zu wischen, sind sie einerseits zu lang und komplex.  Zudem ist seine Stellung als Wirtschaftsethiker zu herausgehoben.  Andererseits gibt es banale Passagen, die das Gefühl nähren, dass eine Auseinandersetzung mit seinen Aussagen verschwendete Zeit ist.  Teilweise kann in dem Interview eine seltsam einfach strukturierte Wahrnehmung der Realität beobachtet werden.

So ist Pies offenbar tatsächlich der Ansicht, dass unsere Landwirte einen gehörigen Teil ihrer Zeit am Finanzmarkt verbringen, um ein Termingeschäft nach dem nächsten abzuschliessen, je nach Marktlage long oder short zu gehen und mit den grossen Jungs aus der Branche zu spekulieren.  Es ist Herrn Pies anzuraten, ein paar bäuerliche Betriebe zu besuchen.

Auch der im Zusammenhang mit Nahrungsmittelspekulation geäusserte Gedanke, dass „ein hohes Volumen an Sportwetten praktisch keinen Einfluss darauf hat, welche Leistungen die Sportler im Wettkampf erbringen“ ist nicht gerade eine Einsicht, die ich im Zusammenhang mit der eigentlich diskutierten Problematik für eindeutig wahr und hilfreich halte.

In der Süddeutschen und auch bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nehmen diverse Kommentatoren die Pies’sche Sicht der Dinge auseinander — und das zum grossen Teil in überzeugenderer Weise als Pies‘ „wissenschaftliche“ Ausführungen.  Ich kann die Lektüre dieser Lesermeinungen nur empfehlen.

Noch erhellender finde ich Jens Bergers Ausführungen zu Ingo Pies‘ Aussagen — der Autor von nachdenkseiten.de schreibt das, wozu mir momentan Zeit und Kraft fehlen.  Netterweise hat er die Erlaubnis gegeben, seinen Artikel hier bei Occupy:Occupy zu veröffentlichen.  Danke, Jens Berger!

→ zu Jens Bergers Artikel

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Zitate und Gedanken VI

Im Schnitt 40 % des Einkommens muss eine Familie in Ägypten für die täglichen Ernährung aufwenden, in ärmeren Entwicklungsländern sogar bis zu 80 %.  In den reichen Industriestaaten hingegen sind es nur 12 %.

Quelle: Le Monde diplomatique, 2011/10

Hinter diesen einfachen Zahlen verbergen sich nicht nur Millionen Schicksale, sondern auch Dutzende einzelner Themen:

  • Welchen Einfluss werden die aktuellen Dürren und Hochwasser auf die verfügbare Nahrungsmenge und die Nahrungspreise haben?
  • Wenn Mais knapp wird (USA), wird dann tatsächlich mehr Weizen verfüttert?
  • Ist es eine gute Idee, in einer absehbar angespannten Nahrungsmittelsituation Weizen zu Biosprit zu verarbeiten?
  • Kann es sich einer der Präsidentschaftskandidaten der USA erlauben, sich gegen die Lobby der US-Farmer zu stellen, die Befürworter von „Biosprit“ ist?
  • Warum sind in Deutschland die Preise für Nahrungsmittel so niedrig wie in keinem anderen westlichen Industrieland?
  • Ist gesundes Essen teurer?
  • Warum gehen wir meist sorglos mit unserem Essen um?

Die Liste erscheint unendlich.  Hinter dieser Mauer ist es ein Leichtes für die „Finanzmärkte“, auch weiterhin mit Nahrungsmitteln zu spekulieren, ohne in das Scheinwerferlicht zu geraten.  Wenn der Brotpreis bei uns tatsächlich einmal „merklich“ steigen sollte, so wird die Verantwortung auf Naturkatastrophen geschoben werden.

Dass einige Menschen mit dem Hunger Anderer Geld  verdienen, dass wir es als Gesellschaft ohne viel Zögern zulassen, dass unsere Lebensgrundlagen in die Hände skrupelloser Geschäftemacher geben, das wird möglicherweise noch mehr in den Hintergrund rücken.

Wir lassen es zu.

Zitate und Gedanken V

  • Weltagrarproduktion pro Kopf und Tag: 2797 kCal
  • verfügbare Nahrungsmittel in Deutschland pro Kopf und Tag: 3547 kCal
  • Grenzwert für Unterernährung: 1800 kCal
  • 1 Roggenmischbrot (1kg): ca 2100 kCal

Quelle: Le Monde diplomatique, 2011/10

Seit Monaten stosse ich auf diesen, auf den ersten Blick widersprüchlichen Sachverhalt:

  1. Wir produzieren offenbar genug Nahrung auf der Erde, um alle Menschen ausreichend versorgen zu können.
  2. Biosprit wird als einer der Faktoren genannt, warum Menschen hungern.

Nicht nur das Umweltinstitut München e.V. argumentiert: Agrosprit führt zu Hunger.  Diese Aussage kann allerdings nur bedingt und nicht unmittelbar stimmen, wenn man den im obigen Beitrag aufgeführten Zahlen glaubt.

Unbestritten ist offenbar, dass Menschen in armen Ländern bis zu 80 % ihres Familieneinkommens für Nahrung ausgeben müssen — woraus sich der Schluss aufdrängt, dass grundsätzlich genügend Nahrung zur Verfügung steht, diese jedoch nicht überall bezahlbar ist.

Ja, die Hungerproblematik ist komplex und wird sich nicht mit einem Federstrich lösen lassen.  Die einfache Frage, die dem entgegen steht, lautet aber nach wie vor: Wer profitiert vom Hunger?

Zitate und Gedanken IV

Zwischen 2003 und 2008 stiegen die Investitionen in die beiden größten Rohstoff-Indexfonds um 2.300 %.
Quelle: Unschuldsmythen, Misereor, Dirk Müller (Mister Dax)

Was steckt hinter dieser Aussage?  Warum ist das Investitionsvolumen [Investitionen in die beiden größten Rohstoff-Indexfonds, also nicht nur Nahrungsmittel] „von 13 Milliarden US$ auf 317 Milliarden US$ explodiert“?

Nun, es ist kaum davon auszugehen, dass diese Geldmengen aus humanitären Gründen statt aus Gewinnstreben in diesen Markt gepumpt wurden.  Handfeste finanzielle Interessen waren der Motor.

Der Nahrungsmittelmarkt war vor dieser Zeit nicht von extremen Preisschwankungen betroffen.  Diese traten erst nach der zunehmenden Deregulierung dieses Marktes auf.

Einige Finanzinstitute bestreiten den Zusammenhang zwischen Spekulationen und extremen Preisschwankungen.  Ein neuer Spieler schlägt nun in diese Kerbe:

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/studien-von-foodwatch-und-oxfam-zu-welthunger-wirtschaftsethiker-wirft-ngo-schlampige-recherche-vor-1.1449948

Interessant hierbei sind auch die Kommentare zum Artikel der Süddeutschen.

Zitate und Gedanken III

926 Millionen Menschen hungerten 2010.  Das sind 13,8 % der Weltbevölkerung und mehr als elf mal die Bevölkerung Deutschlands 2011. Quelle: Le Monde diplomatique, 2011/10

Wie kann es sein, dass mehr als ein Zehntel der Weltbevölkerung hungert?  Letztlich reduziert sich die Antwort auf eine ganz banale Aussage:  Es ist uns weitgehend egal — solange wir nicht selbst betroffen sind.

Das Drama des Hungerns und Verhungerns ist weitgehend anonym.  Diese Menschen in Not haben keine eigene Stimme und zu wenig andere setzen sich für sie ein.

Sind wir zu beschäftigt mit uns selbst, um den grundlegenden Übeln dieser Erde die notwendigen Riegel vorzuschieben?  Sind wir zu abgestumpft in unsererem ach so anstrengenden Alltag, um wenigstens Stellung zu beziehen?  Hecheln wir lieber unseren vergleichsweise lächerlichen Problemen nach, anstatt den Profiteuren in den Hintern zu treten?  Sorgen wir uns lieber um das eigene kleine Glück, anstatt den tatenlosen Politikern klar zu machen, dass es ihre Aufgabe ist, Missstände wie Spekulation mit Nahrungsmitteln abzustellen?

Zitate und Gedanken II

Bis Ende der 1990er Jahre lag der Anteil aller Kontrakte an den Warenterminbörsen, die zu rein spekulativen Zwecken gehandelt wurden, selten höher als 30%. Heute hingegen gehen bis zu 80% auf spekulative Kapitalanlagen zurück. Quelle: Le Monde diplomatique, 2011/10

Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es bei diesen Geschäften immer weniger um das Wohl der Menschen geht (Sicherung von bezahlbarer und guter Nahrung), sondern um monetäre Vorteile der Spekulanten.

Unsere Gesellschaft wird sich entscheiden müssen, ob sie das auch weiterhin zulassen will. Unsere Lebensgrundlagen werden immer mehr zu Spielbällen der Finanzindustrie.  Um es klar auszudrücken:  Nichtstun ist Unterstützung für die Spekulanten.