Ingo Pies: „Der Spekulations-Alarm ist ein Fehlalarm“

von | 9. September 2012 | 1 Kommentar

Die Reak­ti­on der Medi­en war bis­her nicht son­der­lich gross auf das „Inter­view“ mit Ingo Pies.  Bedenkt man, was der Wirt­schafts­ethi­ker an der Uni­ver­si­tät Hal­le geäus­sert hat, dann über­rascht das.  Die Süd­deut­sche Zei­tung titelt: Wirt­schafts­ethi­ker wirft NGO schlam­pi­ge Recher­che vor — das ist star­ker Tobak.

Wir von Occupy:Occupy hät­ten uns aller­dings bereits gefreut über einen Bruch­teil an Medi­en­prä­senz, aber auch hier gilt die alte Pres­se­weis­heit, dass der Post­bo­te den Hund beis­sen muss, um Auf­merk­sam­keit zu bekommen.

Nun ist es stets das Anlie­gen von Occupy:Occupy gewe­sen, zwar poin­tiert, aber auch im Sin­ne von Wahr­heit und Klar­heit zu berich­ten.  Folg­lich ist eine Aus­ein­an­der­set­zung mit der pro­mi­nent publi­zier­ten Posi­ti­on von Ingo Pies unum­gäng­lich.  Ich gebe zu:  Das fällt mir schwer.  Wie will ich einem Wis­sen­schaft­ler Paro­li bieten?

Um Pies’ Aus­füh­run­gen ein­fach so vom Tisch zu wischen, sind sie einer­seits zu lang und kom­plex.  Zudem ist sei­ne Stel­lung als Wirt­schafts­ethi­ker zu her­aus­ge­ho­ben.  Ande­rer­seits gibt es bana­le Pas­sa­gen, die das Gefühl näh­ren, dass eine Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nen Aus­sa­gen ver­schwen­de­te Zeit ist.  Teil­wei­se kann in dem Inter­view eine selt­sam ein­fach struk­tu­rier­te Wahr­neh­mung der Rea­li­tät beob­ach­tet werden.

So ist Pies offen­bar tat­säch­lich der Ansicht, dass unse­re Land­wir­te einen gehö­ri­gen Teil ihrer Zeit am Finanz­markt ver­brin­gen, um ein Ter­min­ge­schäft nach dem nächs­ten abzu­schlies­sen, je nach Markt­la­ge long oder short zu gehen und mit den gros­sen Jungs aus der Bran­che zu spe­ku­lie­ren.  Es ist Herrn Pies anzu­ra­ten, ein paar bäu­er­li­che Betrie­be zu besuchen.

Auch der im Zusam­men­hang mit Nah­rungs­mit­tel­spe­ku­la­ti­on geäus­ser­te Gedan­ke, dass „ein hohes Volu­men an Sport­wet­ten prak­tisch kei­nen Ein­fluss dar­auf hat, wel­che Leis­tun­gen die Sport­ler im Wett­kampf erbrin­gen“ ist nicht gera­de eine Ein­sicht, die ich im Zusam­men­hang mit der eigent­lich dis­ku­tier­ten Pro­ble­ma­tik für ein­deu­tig wahr und hilf­reich halte.

In der Süd­deut­schen und auch bei der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung neh­men diver­se Kom­men­ta­to­ren die Pies’sche Sicht der Din­ge aus­ein­an­der — und das zum gros­sen Teil in über­zeu­gen­de­rer Wei­se als Pies’ „wis­sen­schaft­li­che“ Aus­füh­run­gen.  Ich kann die Lek­tü­re die­ser Leser­mei­nun­gen nur empfehlen.

Noch erhel­len­der fin­de ich Jens Ber­gers Aus­füh­run­gen zu Ingo Pies’ Aus­sa­gen — der Autor von nachdenkseiten.de schreibt das, wozu mir momen­tan Zeit und Kraft feh­len.  Net­ter­wei­se hat er die Erlaub­nis gege­ben, sei­nen Arti­kel hier bei Occupy:Occupy zu ver­öf­fent­li­chen.  Dan­ke, Jens Berger!

zu Jens Ber­gers Artikel

1 Kommentar

  1. Frank J.

    Andre­as Wink­ler von food­watch äus­sert sich auf der Web­sei­te Das Libe­ra­le Insti­tut:

    In dem Report “Die Hun­ger­ma­cher” kri­ti­sie­ren wir aus­drück­lich nicht Spe­ku­la­ti­ons­ge­schäf­te per se. Son­dern beto­nen, dass ein gewis­ses Maß an Spe­ku­la­ti­on nütz­lich und hilf­reich ist (etwa für Preis­ab­si­che­rungs­ge­schäf­te für Bau­ern, Händ­ler und Ver­ar­bei­ter). Was wir aller­dings kri­ti­sie­ren, sind die exzes­si­ven Aus­wüch­se der Spe­ku­la­ti­ons­ge­schäf­te in den letz­ten Jah­ren. In dem aus­führ­li­chen Report wird – im Gegen­satz zu den Behaup­tun­gen von Herrn Pies – auf alle Gegen­ar­gu­men­te aus­führ­lich eingegangen.

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