Jens Berger zu Pies: abstrus

von | 9. September 2012 | 1 Kommentar

Die FAZ über­rascht ihre Leser in ste­ter Regel­mä­ßig­keit im Posi­ti­ven wie im Nega­ti­ven. Zur letz­te­ren Kate­go­rie gehört zwei­fels­oh­ne das Essay „Die Moral der Agrar-Spe­ku­la­ti­on“ aus der Feder des Wirt­schafts­ethi­kers Ingo Pies. Offen­sicht­lich hat sich der Autor dabei das Ziel gesetzt, Spe­ku­la­tio­nen auf Lebens­mit­tel­prei­se den Stem­pel der mora­li­schen Unbe­denk­lich­keit zu geben. Um zu die­sem, für einen Wirt­schafts­ethi­ker doch über­ra­schen­den Schluss zu kom­men, bedient sich Pies aller­lei Trick­se­rei­en und argu­men­tiert zwar aus rhe­to­ri­scher Sicht höchst inter­es­sant, dafür aber aus öko­no­mi­scher und schluss­end­lich auch mora­li­scher Sicht reich­lich abstrus. (von Jens Berger)

Glaubt man Ingo Pies, so hilft die Spe­ku­la­ti­on auf Roh­stoff­in­di­zes vor allem den Bau­ern, „sich gegen Preis­ri­si­ken abzu­si­chern“. Wer die­se Form der Spe­ku­la­ti­on ver­bie­ten will, wür­de zudem „das Anlie­gen tor­pe­die­ren, den Hun­ger auf der Welt zu bekämp­fen“. Mit die­sen zwei Kern­the­sen steigt Pies in sein Essay ein und bedient sich dabei – vor allem in der kau­sa­len Kom­bi­na­ti­on – bereits einer hand­fes­ten Mani­pu­la­ti­on. Bau­ern sichern sich näm­lich nicht über die Spe­ku­la­ti­on auf Roh­stoff­in­di­zes gegen Preis­ri­si­ken ab, son­dern mit­tels klas­si­scher Waren­ter­min­ge­schäf­te. Die Spe­ku­la­ti­on auf Roh­stoff­in­di­zes wol­len in der Tat eini­ge, aber bei­lei­be nicht alle, Kri­ti­ker ver­bie­ten. Waren­ter­min­ge­schäf­te will indes kein nam­haf­ter Kri­ti­ker ver­bie­ten, womit die ers­te Grund­the­se von Ingo Pies bereits unzu­tref­fend ist. Dies gesteht Pies an spä­te­rer Stel­le sei­nes Essays zwar selbst ein – war­um baut er aber dann zunächst ein argu­men­ta­ti­ves Luftschloss?

Da Pies weiß, auf welch dün­nem argu­men­ta­ti­ven Eis er sich bewegt, nutzt er die­se Unter­stel­lun­gen in sei­nem Essay wie eine rote Linie – ste­tig wirft er Kri­ti­kern der Lebens­mit­tel­spe­ku­la­ti­on Posi­tio­nen vor, die sie über­haupt nicht ver­tre­ten und arbei­tet sich lie­ber an die­sem Stroh­mann-Argu­ment ab, als auf die eigent­li­chen Argu­men­te einzugehen.

Wei­test­ge­hend kor­rekt schil­dert Pies im Fol­gen­den, wie der Waren­ter­min­markt funk­tio­niert und wie sich ein Bau­er gegen schwan­ken­de Prei­se absi­chern kann. Das ist alles schön und gut und wird in sei­ner Grund­form auch von nie­man­dem kri­ti­siert. Frei­lich „ver­gisst“ Pies in die­sem Zusam­men­hang dar­auf hin­zu­wei­sen, dass sol­che, mit „ech­ten Waren“ gedeck­te, Ter­min­ge­schäf­te zwar frü­her die Regel waren, heu­te jedoch nur noch einen klei­nen Teil der Trans­ak­tio­nen aus­ma­chen. Pies erwähnt auch nicht, dass es auf dem immer noch wei­test­ge­hend unre­gu­lier­ten Märk­ten, an denen sol­che Ter­min­ge­schäf­te gehan­delt wer­den, ein nen­nens­wer­tes Kon­tra­hen­ten­ri­si­ko (engl. coun­ter­par­ty risk) gibt, da auf­grund der viel zu gerin­gen Hin­ter­le­gungs­sum­men (engl. mar­gin) ein zocken­der Stu­dent mit 1.000 Euro Ein­satz einen Nenn­wert von 100.000 Euro „absi­chern“ kann. Bewegt sich der Preis in die „fal­sche“ Rich­tung, kommt es zum „Mar­gin Call“ und der Bau­er bleibt auf dem rest­li­chen Preis­ri­si­ko sit­zen. Hilft dies dem Bau­ern? Hilft dies bei der Bekämp­fung des Welthungers?

Pies erwähnt auch nicht, dass die Finanz­spe­ku­lan­ten, die bei Waren­ter­min­ge­schäf­ten in der Regel der Gegen­part für den Bau­ern sind, ein Inter­es­se an ste­tig stei­gen­den Prei­sen haben. Lapi­dar erklärt Pies, dass der Bau­er bei einem „wider Erwar­ten“ stei­gen­den Preis, zwar mit sei­nem Waren­ter­min­kon­trakt einen Ver­lust macht, die­sen Ver­lust jedoch durch das phy­si­sche Geschäft, das durch den Kon­trakt abge­si­chert wer­den soll, wie­der aus­gleicht. Uner­wähnt bleibt jedoch, dass bei Preis­stei­ge­run­gen der Spe­ku­lant als Gegen­part des Bau­ern immer einen Gewinn ein­fährt und die­ser Gewinn schluss­end­lich vom End­kun­den gezahlt wer­den muss. In Pies Bei­spiel zahlt der End­kun­de 130 Euro, der Bau­er erhält zwar auch die­se 130 Euro, zahlt jedoch für die Absi­che­rung an den Spe­ku­lan­ten eine Prä­mie von 30 Euro. Spe­ku­lan­ten haben somit ein gutes Motiv, den Preis zu trei­ben und sie haben über ver­schie­de­ne Finanz­in­stru­men­te auch die Mit­tel dazu.

Dass Pies, sagen wir es ein­mal vor­sich­tig, fach­li­che Defi­zi­te auf­weist, beweist er dem Leser bei sei­nem Ver­such, die Preis­ent­wick­lung auf dem Roh­stoff­markt schön­zu­re­den. Für Ingo Pies sind sogar die extre­men Preis­ent­wick­lun­gen der Jah­re 2007 und 2008, in denen bei­spiels­wei­se der Mai­s­preis sich bin­nen weni­ger Wochen ver­dop­pel­te, nur um dann inner­halb weni­ger Wochen wie­der unter das vor­he­ri­ge Niveau zu fal­len, durch Fun­da­men­tal­da­ten erklär­bar. Lei­der macht sich Pies jedoch gar nicht erst die Mühe zu erklä­ren, was nicht erklär­bar ist. Es ist unum­strit­ten, dass auf lang­fris­ti­ge Sicht der Preis von Agrar­gü­tern durch Ange­bot und Nach­fra­ge bestimmt wird. Allei­ne durch Ange­bot und Nach­fra­ge sind jedoch die Kurs­ka­prio­len auf den Roh­stoff­märk­ten schon lan­ge nicht mehr erklär­bar. Was hat sich denn im Lau­fe des Jah­res 2007/2008 so fun­da­men­tal geän­dert, dass der Mai­s­preis sich zunächst ver­dop­pelt und dann wie­der hal­biert hat? Was hat sich in den letz­ten bei­den Jah­ren so fun­da­men­tal geän­dert, dass der Mai­s­preis heu­te rund drei­mal so hoch ist wie in den Jah­ren 1999 bis 2006? Und es war ja nicht nur der Mai­s­preis – alle Roh­stoff­prei­se wei­sen ein ver­gleich­ba­res Mus­ter auf. Sicher, die Nach­fra­ge aus den Schwel­len­län­dern nimmt ste­tig zu, die Erzeu­gung von „Bio­kraft­stof­fen“ ver­drängt immer mehr Anbau­flä­che und die Ern­te­er­geb­nis­se hän­gen seit Jahr­tau­sen­den vom Kli­ma ab. An die­sen Fun­da­men­tal­da­ten hat sich weder wäh­rend des „Bul­len­mark­tes“ des Jah­res 2007 noch wäh­rend des „Bären­mark­tes“ des Jah­res 2008 etwas geändert.

Ingo Pies schreibt in sei­nem Essay, dass „theo­re­ti­sche Über­le­gun­gen und empi­ri­sche Befun­de“ dage­gen sprä­chen, dass die „enor­men Preis­stei­ge­run­gen des Jah­res 2007/2008 nicht auf ver­än­der­te Fun­da­men­tal­da­ten, son­dern auf eine Bla­sen­bil­dung zurück­zu­füh­ren [sei­en]“. Da scheint Herr Pro­fes­sor Pies jedoch die wis­sen­schaft­li­che Dis­kus­si­on der letz­ten Jah­re schlicht­weg ver­schla­fen zu haben. So lie­fert die 2011 ver­öf­fent­lich­te UNC­TAD-Stu­die „Pri­ce for­ma­ti­on in finan­cia­li­zed com­mo­di­ty mar­kets [PDF — 2.2 MB]“ bei­spiels­wei­se einen sehr fun­dier­ten empi­ri­schen und theo­re­ti­schen Beleg dafür, dass die heu­ti­gen Roh­stoff­prei­se sich kaum noch auf Fun­da­men­tal­da­ten zurück­füh­ren las­sen, son­dern viel­mehr mit ande­ren Finanz­märk­ten kor­re­lie­ren. Mit die­ser Ein­schät­zung steht die UNCTAD nicht allei­ne, auch UNO, FAO und die Welt­bank [PDF — 1.2 MB] ver­tre­ten dezi­diert die Posi­ti­on, dass die Prei­se für Lebens­mit­tel weni­ger durch Fun­da­men­tal­da­ten, als viel­mehr durch Spe­ku­la­ti­on an den Finanz­märk­ten beein­flusst wer­den. Die NGO WEED hat sich die Mühe gemacht und gan­ze 100 wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en zusam­men­ge­stellt [PDF — 286 KB], die alle­samt zu einem gänz­lich ande­ren Ergeb­nis als Ingo Pies kommen.

Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen:

Mit sei­ner gewag­ten The­se, die Roh­stoff­prei­se sei­en durch Fun­da­men­tal­da­ten erklär­bar, steht Ingo Pies in der Öko­no­me­n­zunft ziem­lich allei­ne da. Zudem sind sei­ne „theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen“, mit denen er sei­ne The­se zu unter­mau­ern ver­sucht, bei nähe­rer Betrach­tung schlicht­weg eine Unver­schämt­heit. Pies igno­riert bei­spiels­wei­se die in vie­len Stu­di­en zum The­ma bewie­se­ne Beein­flus­sung der Prei­se auf den Real­gü­ter­märk­ten durch Waren­ter­min­ge­schäf­te, obgleich bekannt ist, dass bei­spiels­wei­se auf dem Wei­zen­ter­min­markt nur noch jeder fünf­te Händ­ler mit „ech­tem“ Wei­zen und der Rest der Händ­ler aus­schließ­lich mit „Papier­wei­zen“ han­delt. Sei­ne Behaup­tung, das Her­den­ver­hal­ten an den Finanz­märk­ten sei irrele­vant, ist dabei nur die Spit­ze eines Kon­vo­luts aus gro­tes­ken Halb­wahr­hei­ten und Manipulationen.

Wäre Pies Öko­nom bei einem gro­ßen Nah­rungs­mit­tel­spe­ku­lan­ten, wie bei­spiels­wei­se der bri­ti­schen Bank Bar­clays Capi­tal, könn­te man sein Essay zwar nicht gut­hei­ßen, aber doch zumin­dest sei­ne Moti­va­ti­on ver­ste­hen. Pies ist jedoch ein Wirt­schafts­ethi­ker. Da stellt sich unwei­ger­lich die Fra­ge, wel­che Ethik ein Öko­nom ver­tritt, der nicht nur wider bes­se­res Wis­sen an das Dog­ma der Effi­zi­enz­markt­hy­po­the­se zu glau­ben scheint, son­dern auch sämt­li­che Argu­men­te der Kri­ti­ker von Lebens­mit­tel­spe­ku­la­ti­on auf rabu­lis­ti­sche Art und Wei­se ver­zerrt. Wer sich die Ethik auf sei­ne Fah­nen geschrie­ben hat, darf nicht der Unmo­ral das Wort reden.

Die­ser Arti­kel stammt von Jens Ber­ger und wur­de ver­öf­fent­licht bei nachdenkseiten.de. Vie­len Dank für die freund­li­che Geneh­mi­gung, ihn hier wiederzugeben.

1 Kommentar

  1. Laszlo

    Ich kann das gar nicht ver­ste­hen. Spe­ku­lan­ten kön­nen eben­so auf sin­ken­de Prei­se set­zen und sind dann dar­an interessiert.
    Bau­ern kön­nen Ver­ar­bei­ter Kon­tra­hen­ten sein, nicht immer Spe­ku­lan­ten (und Spe­ku­lan­ten ein­an­der — das schafft nur Liqui­di­tät, was eine bes­se­re Preis­bil­dung und auch nied­ri­ge­re Mar­gen mit sich brin­gen kann.
    Der Autor ver­wech­selt Han­dels­ge­winn von Spe­ku­lan­ten, die vom Preis abhängt (aber sie­he oben, kann auch vom Sin­ken­den Preis kom­men) mit der Gebühr, die die Ver­mitt­ler ver­rech­nen, und die auch nur gering von den Prei­sen abhängen.

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