Diskurs: Pies und Henn

von | 5. Dezember 2012 | 0 Kommentare

Sicher erin­nern Sie sich noch an die heu­te knapp drei Mona­te alte Sen­sa­ti­ons­mel­dung so pro­mi­nen­ter Medi­en wie der Süd­deut­schen Zei­tung und der FAZ.  Dr. Ingo Pies, Wirt­schafts­ethi­ker an der Uni­ver­si­tät Hal­le, warf den NGOs schlam­pi­ge Recher­che vor beim The­ma Spe­ku­la­ti­on mit Nah­rungs­mit­teln (wir berich­te­ten):

Man kann den Ban­ken nicht die Schuld für stei­gen­de Agrar­prei­se in die Schu­he schie­ben.  Der Spe­ku­la­ti­ons-Alarm ist ein Fehlalarm.

Nun hat sich dar­auf­hin ein teil­wei­se span­nend zu lesen­der Brief­wech­sel zwi­schen Pies und Mar­kus Henn von weed ent­wi­ckelt (der für die Medi­en offen­bar weit weni­ger inter­es­sant ist).  Henn ist bei weed (Welt­wirt­schaft,  Öko­lo­gie & Ent­wick­lung e.V.) als „Refe­rent Inter­na­tio­na­les Finanz­sys­tem, Nah­rungs­mit­tel­spe­ku­la­ti­on“ tätig.

In sei­ner Ant­wort an Pies vom 6. Sep­tem­ber 2012 fasst er zusammen:

Pies lei­ert eine so abge­schmack­te Lis­te an markt­li­be­ra­len Plat­ti­tü­den her­un­ter, dass sei­ne gan­ze Spe­ku­la­ti­ons­kri­tik nur wie eine Bestä­ti­gung sei­ner libe­ra­len Vor­ur­tei­le erscheint.

Neben die­sem emo­tio­na­len Aus­bruch setzt sich sein Schrei­ben aller­dings auch inhalt­lich mit Pies’ Posi­tio­nen und Argu­men­ta­tio­nen auseinander.

Pies erwi­dert am 8. Sep­tem­ber 2012 und ver­weist unter ande­rem recht süf­fi­sant hierauf:

Ich habe eine lan­ge wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung an ver­schie­de­nen Uni­ver­si­tä­ten durch­lau­fen, die ihren for­ma­len Abschluss mit einer „venia legen­di“ für Volks­wirt­schafts­leh­re gefun­den hat. Sie haben, wenn ich es recht sehe, das Fach Volks­wirt­schafts­leh­re im Neben­fach stu­diert und dann dar­auf ver­zich­tet, Ihre Fach­kennt­nis­se durch Pro­mo­ti­on und Habi­li­ta­ti­on wei­ter zu ver­tie­fen. Ich füh­re die­sen Sach­ver­halt nun aber aus­drück­lich nicht des­halb an – wie Sie zunächst viel­leicht ver­mu­ten wer­den –, um Sie pro­fes­so­ral abzu­kan­zeln. Ganz im Gegen­teil. Das Abkan­zeln ist ja ohne­hin offen­bar eher Ihr Metier.

Auch hier geht es inhalt­lich in die Tie­fe — aller­dings geht Pies auf diver­se sach­li­che Punk­te aus Henns Kri­tik nicht ein.

Es geht wei­ter mit einem offe­nen Brief von Henn (26. Sep­tem­ber 2012), der weit­aus sach­li­cher daher­kommt als sein Vor­gän­ger, aber einen der grund­le­gen­den Unter­schie­de in den Posi­tio­nen trotz­dem recht poin­tiert darstellt:

Alles, was wir – mehr oder weni­ger – sagen, ist: Spe­ku­la­ti­on spielt mit hoher bis sehr hoher Wahr­schein­lich­keit eine bedeu­ten­de Rol­le. Das schließt ande­re Fak­to­ren kei­nes­wegs aus. Sie dage­gen neh­men in die­ser Fra­ge eine sehr abso­lu­te Posi­ti­on ein: die Spe­ku­la­ti­on spie­le über­haupt kei­ne (nega­ti­ve) Rol­le. Doch obwohl Sie eine sol­che abso­lu­te Posi­ti­on ein­neh­men, wer­fen Sie uns genau das vor.

Den vor­erst letz­ten Stand stellt der wei­te­re offe­ne Brief Pies’ (30. Sep­tem­ber 2012) dar.  Die Dis­kus­si­on hat sich erfreu­lich ver­sach­licht — was nichts dar­an ändert, dass Pies auf die meis­ten der in Henns ers­tem Schrei­ben ange­führ­ten Schwach­punk­te in des­sen Argu­men­ta­ti­on bis­her immer noch nicht ein­ge­gan­gen ist.

Dies­be­züg­lich ver­wei­se ich bei­spiel­haft auf einen Punkt, den auch Henn ange­merkt hat — und den ich hier so formulierte:

So ist Pies offen­bar tat­säch­lich der Ansicht, dass unse­re Land­wir­te einen gehö­ri­gen Teil ihrer Zeit am Finanz­markt ver­brin­gen, um ein Ter­min­ge­schäft nach dem nächs­ten abzu­schlies­sen, je nach Markt­la­ge long oder short zu gehen und mit den gros­sen Jungs aus der Bran­che zu spe­ku­lie­ren.  Es ist Herrn Pies anzu­ra­ten, ein paar bäu­er­li­che Betrie­be zu besuchen.

Es bleibt fest­zu­hal­ten, dass auch „eine lan­ge wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung an ver­schie­de­nen Uni­ver­si­tä­ten“ (Pies über sich, sie­he oben) nicht davor bewahrt, man­che Din­ge nicht zu begrei­fen — und trotz­dem eine Mei­nung dazu zu publizieren.

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