Dilemma?

Es wäre so schön, eine verlässliche Instanz zu haben, die eine deutliche und unumstössliche Antwort auf die Frage liefern könnte:  Ist Spekulation mit Nahrungsmitteln verantwortlich für steigende Nahrungsmittelpreise?

Es Bedarf nur eines Ingo Pies, der diese Frage medienwirksam verneint — und schon können sich Deutsche Bank, Allianz und Konsorten gelangweilt zurücklehnen und ihre Geschäfte mit dem Hunger fortführen.  Dass Pies in seiner Arbeit an manchen Stellen hanebüchenen Unsinn notiert hat, der selbst für einen Nicht-Wissenschaftler und relativen Laien als solcher erkennbar ist, ändert an der Situation nichts:  Der „Wirtschaftsethiker“ ist für die Spekulanten eine dankbare Quelle, mit der sie ihr Tun rechtfertigen.

Nun bekam ich vor wenigen Tagen den Hinweis eines Professors für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Bremen:  Hans-Heinrich Bass schickte mir den Hinweis auf seine Arbeit für die Welthungerhilfe:  „Spekulation mit Nahrungsmitteln: Wo steht die Wissenschaft?“  Hier beschreibt der Autor das Dilemma:

Will man also den Stand der Wissenschaft zum Thema Nahrungsmittelspekulation erheben, führt auch hier kein Weg um eine echte Metastudie herum. Diese muss auch nach der Güte der Studien fragen: Messen die analytischen Verfahren der einzelnen Studien, was sie zu messen vorgeben? Könnten sie von anderen Wissenschaftlern mit denselben Ergebnissen wiederholt werden? (Hans-Heinrich Bass)

Eine solche Metastudie gibt es seiner Aussage nach nicht.  Der Spekulationsbefürworter Ingo Pies kann also ohne rot zu werden die Last der Schuld am Hungern von der Finanzwirtschaft nehmen und der Gesellschaft Schludrigkeit vorwerfen:

Die Zivilgesellschaft hat versagt: Sie hat mit mangelnder Sorgfalt gearbeitet und falsche Informationen in die Welt gesetzt.
(Quelle: Vortrag von Pies beim Ostdeutsches Rohstoffsymposium, November 2012).

Wissenschaftlich zweifelsfrei überprüfbar dieser Schluss aus seiner wissenschaftlichen Arbeit ebenso wenig wie die gegenteiligen Aussagen der Spekulationsgegner, wenn wir Bass‘ Argumentation folgen.

Das Dilemma wird klar: Es gibt keine wissenschaftlich nachweisbare Wahrheit zu diesem Problem.  Bass kommt zu dem Zwischenfazit: „Die wissenschaftliche Auseinandersetzung wird weitergehen.“  Allerdings vollzieht er einen logischen Schritt, zu dem ein Pies entweder nicht in der Lage ist — oder den er aus guten Gründen vermeidet.  Bass fragt:

Muss die Politik jetzt den wissenschaftlichen Konsens abwarten?

Hierbei handelt es sich um den entscheidenden Punkt.  Kann/muss die Politik so lange warten, bis mit wissenschaftlichen Methoden zweifelsfrei geklärt ist, ob Spekulation mit Nahrungsmitteln schädliche Folgen hat?  Bass hat eine Antwort:

Die Politik muss Entscheidungen treffen – auch unter Unsicherheit. Dabei werden die PolitikerInnen Interessen und Werte gegeneinander abwägen müssen. Hier geht es einerseits um die Interessen der Anleger, ihr Portfolio zu optimieren, und andererseits um den Anspruch der Hungernden auf Zugang zu Nahrung.

Nun, „die Politik“ trifft auf deutscher Ebene keine Entscheidungen (was momentan einer Zustimmung zur Spekulation mit Nahrungsmitteln entspricht) oder sie laviert europäisch herum, ohne wirksame Mechanismen für eine Eindämmung der Spekulation zu erreichen.

Bass hat hierzu einen pragmatischen Ansatz:

In den 1990er Jahren hat die Liberalisierung der Finanzmärkte die Finanzialisierung der Rohstoffmärkte erst ermöglicht. Finanzmarktprodukte, die bis vor kurzem nicht erforderlich waren für das Funktionieren der Absicherungsgeschäfte, werden es auch zukünftig nicht sein. Dies sollte für die Politik Grund genug sein, eine Re-Regulierung der Finanzmärkte zu betreiben.

Ein einfacher und bestechender Gedanke, nicht wahr?

Politisch unkorrekt ausgedrückt ist die Situation aber anders:

  • Die Bundesregierung ist ein skrupelloser Handlanger einer gewissen- und erbarmungslosen Finanzwirtschaft.
  • Das Parlament kommt seiner Rolle als Wächter nicht nach, sonst würde es diesen empörenden Zustand nicht weitgehend gleichmütig hinnehmen, sondern die Verletzung elementarster Menschenrechte durch unser Land jeden Tag aufs neue anprangern.
  • Der Bundespräsident kommt über Sonntagsreden zu diesem Thema nicht hinaus.
  • Die grossen NGOs verheben sich mit ihrem europäischen Ansatz und blamieren sich mit ihrer Weigerung, das Thema im Zweifel eben auch auf nationaler Ebene entschlossen anzugehen.
  • Die meisten Bürger haben Konsum, Freizeit und Spass im Sinn — eine Teilhabe an gesellschaftlichen Problemen, die keinen unmittelbaren Eigennutz erzeugen, ist für die Mehrheit ein Zumutung.

Aus diesen Gründen wird auch das Jahr 2013 weiterhin ein Jahr sein, in dem Menschen aufgrund unserer verantwortungslosen Gier hungern oder Hungers sterben. Das ist nicht eindeutig wissenschaftlich bewiesen, wie wir ja gerade lernen konnten — aber wenn wir auch nur ansatzweise so etwas wie eine gesellschaftliche und menschliche Verantwortung in uns tragen, dann müssen wir das Risiko jetzt und hier minimieren, dass aufgrund unseres Strebens nach immer mehr Reichtum Menschen in anderen Teilen der Erde nicht genug zu essen haben.

Das ist das Wenigste, was eine angeblich christlich geprägte Gesellschaft wie unsere für die seit Jahrhunderten von uns ausgebeuteten Menschen dieser Ländern tun kann.

-fj

Zum Artikel von Hans-Heinrich Bass
Spekulation mit Nahrungsmitteln: Wo steht die Wissenschaft?

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