Dilemma?

von | 19. August 2013 | 2 Kommentare

Es wäre so schön, eine ver­läss­li­che Instanz zu haben, die eine deut­li­che und unum­stöss­li­che Ant­wort auf die Fra­ge lie­fern könn­te:  Ist Spe­ku­la­ti­on mit Nah­rungs­mit­teln ver­ant­wort­lich für stei­gen­de Nahrungsmittelpreise?

Es Bedarf nur eines Ingo Pies, der die­se Fra­ge medi­en­wirk­sam ver­neint — und schon kön­nen sich Deut­sche Bank, Alli­anz und Kon­sor­ten gelang­weilt zurück­leh­nen und ihre Geschäf­te mit dem Hun­ger fort­füh­ren.  Dass Pies in sei­ner Arbeit an man­chen Stel­len hane­bü­che­nen Unsinn notiert hat, der selbst für einen Nicht-Wis­sen­schaft­ler und rela­ti­ven Lai­en als sol­cher erkenn­bar ist, ändert an der Situa­ti­on nichts:  Der „Wirt­schafts­ethi­ker“ ist für die Spe­ku­lan­ten eine dank­ba­re Quel­le, mit der sie ihr Tun rechtfertigen.

Nun bekam ich vor weni­gen Tagen den Hin­weis eines Pro­fes­sors für Volks­wirt­schafts­leh­re an der Hoch­schu­le Bre­men:  Hans-Hein­rich Bass schick­te mir den Hin­weis auf sei­ne Arbeit für die Welt­hun­ger­hil­fe:  „Spe­ku­la­ti­on mit Nah­rungs­mit­teln: Wo steht die Wis­sen­schaft?“.¹  Hier beschreibt der Autor das Dilemma:

Will man also den Stand der Wis­sen­schaft zum The­ma Nah­rungs­mit­tel­spe­ku­la­ti­on erhe­ben, führt auch hier kein Weg um eine ech­te Meta­stu­die her­um. Die­se muss auch nach der Güte der Stu­di­en fra­gen: Mes­sen die ana­ly­ti­schen Ver­fah­ren der ein­zel­nen Stu­di­en, was sie zu mes­sen vor­ge­ben? Könn­ten sie von ande­ren Wis­sen­schaft­lern mit den­sel­ben Ergeb­nis­sen wie­der­holt wer­den? (Hans-Hein­rich Bass)

Eine sol­che Meta­stu­die gibt es sei­ner Aus­sa­ge nach nicht.  Der Spe­ku­la­ti­ons­be­für­wor­ter Ingo Pies kann also ohne rot zu wer­den die Last der Schuld am Hun­gern von der Finanz­wirt­schaft neh­men und der Gesell­schaft Schlud­rig­keit vorwerfen:

Die Zivil­ge­sell­schaft hat ver­sagt: Sie hat mit man­geln­der Sorg­falt gear­bei­tet und fal­sche Infor­ma­tio­nen in die Welt gesetzt.
(Quel­le: Vor­trag von Pies beim Ost­deut­sches Roh­stoff­sym­po­si­um, Novem­ber 2012).

Wis­sen­schaft­lich zwei­fels­frei über­prüf­bar die­ser Schluss aus sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Arbeit eben­so wenig wie die gegen­tei­li­gen Aus­sa­gen der Spe­ku­la­ti­ons­geg­ner, wenn wir Bass’ Argu­men­ta­ti­on folgen.

Das Dilem­ma wird klar: Es gibt kei­ne wis­sen­schaft­lich nach­weis­ba­re Wahr­heit zu die­sem Pro­blem.  Bass kommt zu dem Zwi­schen­fa­zit: „Die wis­sen­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zung wird wei­ter­ge­hen.“  Aller­dings voll­zieht er einen logi­schen Schritt, zu dem ein Pies ent­we­der nicht in der Lage ist — oder den er aus guten Grün­den ver­mei­det.  Bass fragt:

Muss die Poli­tik jetzt den wis­sen­schaft­li­chen Kon­sens abwarten?

Hier­bei han­delt es sich um den ent­schei­den­den Punkt.  Kann/muss die Poli­tik so lan­ge war­ten, bis mit wis­sen­schaft­li­chen Metho­den zwei­fels­frei geklärt ist, ob Spe­ku­la­ti­on mit Nah­rungs­mit­teln schäd­li­che Fol­gen hat?  Bass hat eine Antwort:

Die Poli­tik muss Ent­schei­dun­gen tref­fen – auch unter Unsi­cher­heit. Dabei wer­den die Poli­ti­ke­rIn­nen Inter­es­sen und Wer­te gegen­ein­an­der abwä­gen müs­sen. Hier geht es einer­seits um die Inter­es­sen der Anle­ger, ihr Port­fo­lio zu opti­mie­ren, und ande­rer­seits um den Anspruch der Hun­gern­den auf Zugang zu Nahrung.

Nun, „die Poli­tik“ trifft auf deut­scher Ebe­ne kei­ne Ent­schei­dun­gen (was momen­tan einer Zustim­mung zur Spe­ku­la­ti­on mit Nah­rungs­mit­teln ent­spricht) oder sie laviert euro­pä­isch her­um, ohne wirk­sa­me Mecha­nis­men für eine Ein­däm­mung der Spe­ku­la­ti­on zu erreichen.

Bass hat hier­zu einen prag­ma­ti­schen Ansatz:

In den 1990er Jah­ren hat die Libe­ra­li­sie­rung der Finanz­märk­te die Finan­zia­li­sie­rung der Roh­stoff­märk­te erst ermög­licht. Finanz­markt­pro­duk­te, die bis vor kur­zem nicht erfor­der­lich waren für das Funk­tio­nie­ren der Absi­che­rungs­ge­schäf­te, wer­den es auch zukünf­tig nicht sein. Dies soll­te für die Poli­tik Grund genug sein, eine Re-Regu­lie­rung der Finanz­märk­te zu betreiben.

Ein ein­fa­cher und bestechen­der Gedan­ke, nicht wahr?

Poli­tisch unkor­rekt aus­ge­drückt ist die Situa­ti­on aber anders:

  • Die Bun­des­re­gie­rung ist ein skru­pel­lo­ser Hand­lan­ger einer gewis­sen- und erbar­mungs­lo­sen Finanzwirtschaft.
  • Das Par­la­ment kommt sei­ner Rol­le als Wäch­ter nicht nach, sonst wür­de es die­sen empö­ren­den Zustand nicht weit­ge­hend gleich­mü­tig hin­neh­men, son­dern die Ver­let­zung ele­men­tars­ter Men­schen­rech­te durch unser Land jeden Tag aufs neue anprangern.
  • Der Bun­des­prä­si­dent kommt über Sonn­tags­re­den zu die­sem The­ma nicht hinaus.
  • Die gros­sen NGOs ver­he­ben sich mit ihrem euro­päi­schen Ansatz und bla­mie­ren sich mit ihrer Wei­ge­rung, das The­ma im Zwei­fel eben auch auf natio­na­ler Ebe­ne ent­schlos­sen anzugehen.
  • Die meis­ten Bür­ger haben Kon­sum, Frei­zeit und Spass im Sinn — eine Teil­ha­be an gesell­schaft­li­chen Pro­ble­men, die kei­nen unmit­tel­ba­ren Eigen­nutz erzeu­gen, ist für die Mehr­heit ein Zumutung.

Aus die­sen Grün­den wird auch das Jahr 2013 wei­ter­hin ein Jahr sein, in dem Men­schen auf­grund unse­rer ver­ant­wor­tungs­lo­sen Gier hun­gern oder Hun­gers ster­ben. Das ist nicht ein­deu­tig wis­sen­schaft­lich bewie­sen, wie wir ja gera­de ler­nen konn­ten — aber wenn wir auch nur ansatz­wei­se so etwas wie eine gesell­schaft­li­che und mensch­li­che Ver­ant­wor­tung in uns tra­gen, dann müs­sen wir das Risi­ko jetzt und hier mini­mie­ren, dass auf­grund unse­res Stre­bens nach immer mehr Reich­tum Men­schen in ande­ren Tei­len der Erde nicht genug zu essen haben.

Das ist das Wenigs­te, was eine angeb­lich christ­lich gepräg­te Gesell­schaft wie unse­re für die seit Jahr­hun­der­ten von uns aus­ge­beu­te­ten Men­schen die­ser Län­dern tun kann.


¹Zum Arti­kel von Hans-Hein­rich Bass
Spe­ku­la­ti­on mit Nah­rungs­mit­teln: Wo steht die Wissenschaft?

2 Kommentare

  1. Lehmkeks

    In der FAZ vom 12.10.2013 wird Ingo Pies wie folgt zitiert:

    “Das star­ke Auf­tre­ten der Inves­to­ren auf den Agrar­mär­ken ist kein Übel, son­dern ein Segen.”
    Und:
    “Sie ver­kau­fen, was rela­tiv teu­er ist, und kau­fen, was rela­tiv güns­tig ist.
    Damit federn sie star­ke Preis­schwan­kun­gen ab — zum Woh­le aller Marktteilnehmer.”

    Und wei­ter schreibt die FAZ:

    “Statt­des­sen spricht viel für das Gegen­teil: Danach hat vor allem das Auf­tre­ten die­ser Fonds noch stär­ke­re Preisanstiege
    verhindert.”

    Sie­he hier:
    http://www.faz.net/aktuell/finanzen/devisen-rohstoffe/agrarrohstoffe-spekulation-auf-den-hunger-der-welt-12615718.html

    Die ALLIANZ hin­ge­gen schreibt in einem offe­nen Brief an OXFAM:

    “Haben wir als grö­ße­rer Inves­tor an den Waren­ter­min­märk­ten Ein­fluss auf die Prei­se dort? Wir haben dar­ge­legt, dass weder die Anla­ge­stra­te­gie, noch das Anla­ge­ver­hal­ten oder das Anla­ge­vo­lu­men dazu inten­diert oder geeig­net sind, Ein­fluss auf die Preis­ent­wick­lung an den Waren­ter­min­bör­sen zu nehmen.”

    Sie­he hier Pres­se­mit­tei­lung vom 15.10.2013:
    http://www.pressrelations.de/new/standard/result_main.cfm?r=547417&aktion=jour_pm&quelle=1

    Kann mir mal jemand erklä­ren, wie sich die­se Aus­sa­gen ver­ein­ba­ren lassen?

    Herr Pies, der ja eine Lan­ze bricht für Alli­anz, Deut­sche Bank & Co., sagt doch hier das Gegen­teil von dem, was die Alli­anz behauptet. 

    Pies: posi­ti­ver Ein­fluss auf die Preise.
    Alli­anz: kein Ein­fluss auf die Preise.

  2. Lehmkeks

    Zitat:
    Auch der im Zusam­men­hang mit Nah­rungs­mit­tel­spe­ku­la­ti­on geäus­ser­te Gedan­ke, dass „ein hohes Volu­men an Sport­wet­ten prak­tisch kei­nen Ein­fluss dar­auf hat, wel­che Leis­tun­gen die Sport­ler im Wett­kampf erbrin­gen“ — Zitatende

    Wenn ich hier die Andeu­tun­gen rich­tig ver­ste­he, ver­gleicht Herr Pies den Han­del an den Waren­ter­min­bör­sen mit Sport­wet­ten und meint, dass die Wet­ten kei­nen Ein­fluss auf die Leis­tun­gen der Sport­ler hätten. 

    Die­ser “wis­sen­schaft­li­chen” Aus­sa­ge die­ses “Wis­sen­schaft­lers” wider­spricht doch der Fuß­ball-Wett­skan­dal 2005.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fball-Wettskandal_2005
    Oder etwa nicht?

    Zum ande­ren:

    Sobald bspw. ein Pfer­de­ren­nen begon­nen hat, fin­det bis zum Ende des Ren­nens kein Infor­ma­ti­ons­aus­tausch mehr statt zwi­schen Rei­ter und Wett­kampf­lei­tung bzw. Wett­bü­ro. Die Rei­ter sind sozu­sa­gen wäh­rend des Ren­nens mit sich und ihren Pfer­den allein. 

    Doch die Akteu­re an den Waren­ter­min­bör­sen ver­schwin­den nicht wäh­rend der Lauf­zeit ihres Geschäfts in ein Kar­täu­ser-Klos­ter oder in einen Beicht­stuhl. Das heißt, es steht ihnen frei, sich aus­zu­tau­schen, wie es ihnen beliebt und auch wei­te­re Geschäf­te zu tätigen. 

    Inso­fern sind die Rah­men­be­din­gu­nen, unter denen Sport­wet­ten statt­fin­den (kön­nen), zum einen sehr unter­schied­lich unter­ein­an­der, zum ande­ren aber auch völ­lig ande­re, als die an Warenterminbörsen.

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